Feminismus und Bedürfnisorientierung – Passt das zusammen?

Hätte mir vor knapp zehn Jahren eine Person gesagt, ich müsste Entwicklungspsychologie und gesellschaftspolitische Strukturen zusammendenken, dann hätte ich womöglich gelacht und wäre gegangen. So ein Quatsch, wäre mir sicherlich durch den Kopf gegangen. Das sind doch zwei völlig verschiedene Aspekte, die wenig miteinander gemein haben. Zwei unterschiedliche Gebiete, die im Grunde keine Schnittmengen teilen. So meine damalige Ansicht. Und wenn dann noch jemand gesagt hätte, dass eine Analyse zwischen Pädagogik und Feminismus hilfreich ist, um zwischenmenschliche Beziehung, um Erziehung oder sogar um Gesellschaft zu verstehen, dann hätte ich diesen Menschen nicht ernst genommen.  Damals befand ich mich im ersten Semester meines Studiums und ich beschäftigte mich vor allem mit der Bindungstheorie und allgemein mit entwicklungspsychologischen Themen. Ich wollte den Menschen verstehen und zwar von Beginn seines Lebens an. 

Feminismus – passt das überhaupt zu mir?

Bevor wir der Frage nachgehen, wie Feminismus und Bedürfnisorientierung zusammenhängen, müssen wir zunächst betrachten, welche Einstellung wir selbst zum Thema Feminismus haben und uns kritisch damit auseinander setzen:

Es gibt noch immer ganz bestimmte Bilder über den Feminismus, zum Beispiel er wolle das männliche Geschlecht bekämpfen oder gar abschaffen, er möchte traditionelle Rollenbilder beseitigen und noch viele andere Vorstellungen. Es werden Ängste geschürt und Halbwahrheiten verbreitet. Komplexe wissenschaftliche Erkenntnisse werden stark vereinfacht oder verzerrt dargestellt. Feministische Theorien erscheinen uns auch zunächst komplex. Der Zugang zum Feminismus ist oft nicht leicht zu finden, denn er befindet sich stets in einer Transformation. Es lohnt sich, einmal tiefer in die Thematik einzusteigen und es gibt auch Bücher, die einen Einstieg ermöglichen ohne gleich das gesamte historische Thema aufzurollen.

Was bedeutet Feminismus?

Es gibt nicht den einen Feminismus, sondern ganz unterschiedliche Strömungen. Grob zusammengefasst könnte man Feminismus als eine politische Bewegung beschreiben, die Chancengleichheit anstrebt und zwar unabhängig von Geschlecht. Feminismus macht aber auch auf Machtverhältnisse aufmerksam und hinterfragt unsere gängigen Geschlechternormen.

Feminismus als eine gesellschafts-politische-Bewegung macht auf bestimmte (patriarchale) Strukturen aufmerksam, die wir alle im Alltag erleben. Oft denken wir gar nicht darüber nach, weil uns all das ganz „normal“ erscheint. Zum Beispiel, dass überwiegend Frauen Elternzeit in Anspruch nehmen. Oder dass Frauen weniger verdienen (für die gleiche Tätigkeit). Oder aber dass Frauen deutlich mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten. Genau diese Themen sind durch feministische Akteur*innen in den letzten Jahren vermehrt in den gesellschaftlichen Diskurs gebracht worden. Frauen werden nicht nur im beruflichen, öffentlichen Kontext, sondern auch im privaten Bereich, aufgrund ihres Geschlechts, ungleich behandelt.

Wie passt das nun zusammen: Feminismus und bedürfnisorientierte Erziehung?

Um eine bedürfnisorientierte Erziehung umzusetzen, braucht es ganz bestimmte Rahmenbedingungen. Eltern können nur dann feinfühlig die Bedürfnisse ihrer Kinder beachten und angemessen darauf reagieren, wenn auch sie ihren eigenen Bedürfnissen Raum geben. Denn nur wer selbst emotional und physisch gestillt ist, ist in der Lage sich um andere zu kümmern. Haben wir Sorgen, sind wir hungrig oder krank, ist es uns nur eingeschränkt (oder gar nicht) möglich die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und darauf zu antworten. Klingt irgendwie logisch und doch scheint uns die Umsetzung oft so schwer zu fallen.

„Die Bedürfnisse der Kinder immer und über viele Jahre als bedeutsamer anzusehen als die eigenen und sie nicht in Zusammenhang mit unseren erwachsenen Bedürfnissen zu bringen ist falsch. Es ist nicht einfach, sich Freiheiten und Selbstfürsorge selbst zuzugestehen – und es ist auch schwer, dies auch anderen gegenüber auszusprechen und einzufordern.“

Susanne Mierau, Mutter Sein, S.137

Mädchen und junge Frauen wachsen noch heute mit einem Bild über das weibliche Geschlecht auf, das bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts vorherrschte: Sei schön, sei brav, kümmere dich um deinen Mann, deine Kinder und den Haushalt. Wer sich um sich selbst kümmert und den eigenen Bedürfnissen Beachtung schenkt, gilt schnell als egoistische oder schwierige Persönlichkeit. Zumindest ist das bei Frauen so.

Und genau da brauchen wir den Feminismus. Wir brauchen den Feminismus um schon in der Erziehung veraltete Rollenbilder aufzubrechen. Die klassischen Rollenklischees sind nämlich noch immer fest in uns verankert und wir machen in der Erziehung (meist unbewusst) Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Mädchen werden etwa ganz früh an pflegerische Tätigkeiten und das Umsorgen von anderen herangeführt. Im Alltag machen Mädchen die Erfahrung, dass Frauen die „Kümmerer“ unserer Gesellschaft sind. Zum Beispiel sind vor allem Frauen in den sozialen und pflegerischen Berufen zu finden, etwa im Kindergarten, in der Grundschule oder in den Pflegeeinrichtungen. Die gängigen Medien vermitteln ebenfalls ein Bild, das vor allem traditionelle Rollenbilder stärkt. In Büchern und Filmen sind es meistens die Frauen, die sich um Kinder und Haushalt kümmern und die Männer, die für das Einkommen sorgen. Mit diesen Strukturen wachsen wir auf, wir kennen es nicht anders und halten vielleicht auch deshalb so gerne daran fest. Vielleicht mag es für manche Menschen genauso richtig sein und sich richtig anfühlen. Und doch müssen wir uns bewusst machen, dass das patriarchale Strukturen sind. Denn sie bevorzugen das männliche Geschlecht und benachteiligen das weibliche.

Wir brauchen Feminismus

Wir brauchen den Feminismus für eine bedürfnisorientierte Erziehung, weil das Private politisch ist. Frauen – und insbesondere Frauen, die Mütter sind -, sind in allen gesellschaftlichen Bereichen benachteiligt, zum Beispiel wenn es darum geht Familie und Beruf zu vereinbaren. Es fehlt schlichtweg an Möglichkeiten der Umsetzung. Es gibt auf der einen Seite zu wenige Betreuungsangebote, die in Anspruch genommen werden können. Auf der anderen Seite haben es Mütter schwerer auf dem Arbeitsmarkt und vor allem in Führungspositionen Fuß zu fassen, als Frauen die kinderlos sind. Bei alleinerziehenden Müttern kommt noch das erhöhte Risiko einer Armutsgefährdung hinzu.

Eine bedürfnisorientierte Erziehung geht sehr gut zusammen mit einer feministischen Auseinandersetzung. Zum Beispiel wenn es darum geht Männer (und andere Familienmitglieder) in die Sorge- und Erziehungsarbeit einzubinden. Obwohl Männer bzw. Väter heute mehr in Care-Arbeit einbezogen werden, ist es allerdings nach wie vor so, dass die Hauptlast auf den Schultern der Frauen liegt. Das bedeutet, eine wirklich gerechte Aufteilung der Care-Arbeit hat bis heute noch nicht stattgefunden. Auch, wenn wir manchmal das Gefühl haben, dass das so ist. Es sind vor allem die Frauen, die Angehörige pflegen oder die sich hauptsächlich um den Haushalt bzw. um die Kindererziehung kümmern. Und auch wenn Männer sich im Haushalt betätigen, dann meist deshalb, weil sie von ihren Partnerinnen einen Auftrag erhalten haben. Das bedeutet, Frauen müssen auch ständig darüber nachdenken und koordinieren, was zu tun und zu erledigen ist. Es entsteht ein sogenannter „Gender Care Gap“, der zulasten von Frauen geht.

Feminismus schafft die Basis für eine bedürfnisorientierte Erziehung

Feminismus ist also nichts Abstraktes oder etwas das sich nur in bestimmten gesellschaftlichen Milieus abspielt. Feminismus ist ein wichtiger Anteil heutiger Familienformen und geht mit Bedürfnisorientierung wunderbar einher. Rollenbilder werden hinterfragt sowie aufgebrochen oder Ungleichheitsstrukturen angeprangert. Feminismus und Bedürfnisorientierung ergänzen sich auch deshalb, weil alle Familienformen einen Raum und Legitimation finden. Weil es nicht darum geht, wie eine Familie auszusehen hat, sondern vielmehr darum, wie die Strukturen sind, damit alle Bedürfnisse berücksichtigt werden können. Das Private wird sichtbar gemacht und politische Akteur*innen aufgefordert für die entsprechenden Rahmenbedingungen zu sorgen.

Zum Nach- und Weiterlesen:

Korbik, Julia: Stand Up. Feminismus für alle. Berlin 2019, Kein & Aber.

Korbik, Julia: How to be a girl. Stark frei und ganz du selbst. Stuttgart 2018, Gabriel in der Thienemann-Esslinger Verlag.

Mierau, Susanne: Mutter. Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs. Weinheim Basel 2019, Beltz.

Schnerring, Almut; Verlan, Sascha: Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees. München 2014, Kunstmann.

Sandra Siehl, Sozialpädagogin mit Zusatzausbildungen u.a. in systemischer Kinder- und Jugendlichentherapie, beschäftigt sich hier auf dem Blog mit Entwicklung, Feminismus & Nachhaltigkeit.

1 Kommentare

  1. Hallo Sandra, sehr passend formuliert. 👍
    Und du hast recht: wir brauchen Feminismus. Leider hat die Corona-Krise dazu beigetragen, die traditionelle Rollenverteilung zu stärken und war damit ein Rückschlag für den Feminismus.
    Vielleicht hast du Lust, an meiner Blogparade zum Thema „Corona, Feminismus und Gleichberechtigung“ teilzunehmen? Du findest sie hier: https://sonnenkinderleben.de/2020/07/08/corona-feminismus-und-gleichberechtigung/
    Würde mich sehr freuen, dein Text passt perfekt dazu. Liebe Grüße!

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