Von Kopf bis Bauch – Was Intuition mit Feinfühligkeit im Erziehungsleben zu tun hat

Seit einer Weile beschäftige ich mich – angetriggert durch viele eigene Prozesse, wie zum Beispiel die Geburt meines zweiten Kindes oder der Selbstreflexion in Bezug auf meine Art – mit dem Thema „Bauchgefühl“.

Warum genau damit?

Nun, ich selbst habe erst mit der Geburt meiner Kinder damit begonnen, viele Themen über Erziehung und Beziehung im Internet oder in Büchern an- bzw. nachzulesen. Themen, die jede*n betreffen werden, der*die Kinder hat. Schlafen zum Beispiel. Oder Essen. Oder die erste Autonomiephase – die des Kindes und vielleicht auch die der Eltern(teile).

Ich habe mich zwischendurch selbst gefragt, warum ich eigentlich vieles verstärkt nachlese oder in meinem Umfeld erfrage. Vielleicht, um eine eigene Meinung überhaupt erst bilden zu können. Oder aber, um meine Einschätzung abzuprüfen und zu vergleichen. Der Satz meiner eigenen Mutter: „Warum müsst ihr heute eigentlich alles erklären? Gibt es nicht ein Gefühl für das, was ihr tut?“ hat mich ziemlich nachdenklich gemacht. Und mich dazu gebracht, über ein Kernthema zu schreiben.

Das Bauchgefühl also

Das Bauchgefühl ist, so die Definition, eine emotionale Einschätzung, die nicht vom Verstand geleitet wird. Als Synonym kann man auch Intuition verwenden. Ich handle also intuitiv, nach dem Gefühl aus meiner Körpermitte heraus, wenn ich meine Einschätzung oder Entscheidung nicht mit dem Kopf voran treffe.

Bauch vs. Kopf also? Hört sich nach einer konkurrierenden Sache an. Darüber will ich aber gar nicht ausführlich schreiben, sondern mich auf das Gefühl konzentrieren, das so mittig sitzen soll.

Eigentlich ist die Körpermitte auch ein guter Lagepunkt für so ein Gefühl, habe ich mir überlegt. Etwas, dass mittig sitzt, fällt nirgends runter, ist nicht an den Rand gedrängt, hält etwas in Balance oder in der Waage. Und der Bauch signalisiert uns ja auch so viel. Hat nicht jede*r von uns schon einmal solch einen „grummelnden Bauch“ gehabt, und das nicht nur aus einem Hungergefühl heraus? Und was ist mit den „Magenschmerzen“, die einen ereilen, wenn man beispielsweise etwas Unangenehmes erahnt oder erwartet?

Das Bauchgefühl ist dabei mehr als das „bloße Raten“ oder ein „einfaches Tun“. Es steht in Verbindung mit einem kreativen Prozess, der sich durch diese emotionale Komponente erst entwickeln kann. Und am Ende steht eine Entscheidung, die nicht unbedingt erklärbar ist. Das Bauchgefühl scheint also etwas zu sein, das sehr zentral in uns angelegt ist. Aber wie entsteht es eigentlich?

Die Entstehung des Bauchgefühls

Wenn es um das Bauchgefühl geht, geht es auch unweigerlich um Prozesse im Gehirn, um den Denkapparat, der alles steuert.

Die Intuition eines Menschen beruht in großem Maße auf Vorerfahrungen, die wir gemacht haben. Unser Gehirn filtert dabei genau, ob Erfahrungen, die wir machen, neu sind oder bekannt. Es bringt die gelieferten Informationen also mit solchen in Einklang, die sich bereits im Kopf festgesetzt haben und wägt ab, bis sich ein stimmiges Bauchgefühl entwickelt. Kurz gesagt: Kopf und Bauch werden in Einklang gebracht, um zu einer Entscheidung zu kommen. Diese Prozesse sind so komplex und so schnell, dass sie nicht verhindert werden können, auch wenn wir gerne manchmal rein rational entscheiden würden. Der Bauch lässt sich also genau so wenig abschalten wie der Kopf und macht uns als Menschen aus.

Ohne ein gesundes Maß an Intuition wären wir demnach gar nicht handlungsfähig. Verstand und Emotionen arbeiten hier Hand in Hand. Dabei ist es auch essentiell, welche Erfahrungen wir hier selbst als Kind gemacht haben. Laden unsere Eltern(teile) uns dazu sein, unser unbewusstes Bewertungssystem zu prüfen, abzugleichen und anzupassen, so laden sie uns dazu ein, dass sich unser Bauchgefühl entwickelt und wir darauf hören können.

Das Bauchgefühl ist also in jedem*r von uns angelegt und muss nicht explizit „anerzogen“ werden. Es bildet sich aber durch unsere Erfahrungen aus, die wir vor allem in unserem Aufwachsen machen und in unserem eigenen Erziehungsprozess erlebt haben. Je mehr Bedürfniserkennung und –befriedigung also durch intuitives Handeln von (einer oder mehreren) Bezugspersonen am Kind erfolgt, umso mehr verinnerlicht das Kind diese Handlungsstrategie und wählt das Bauchgefühl als nutzbare Komponente für sein*ihr eigenes Handeln.

Die Abkehr vom Bauchgefühl

Nach der oben beschriebenen Aussage meiner Mutter und mehreren Erlebnissen in ähnlicher Form, die mich an dieses Thema herangebracht haben, habe ich mich gefragt, warum das Bauchgefühl aus meiner Sicht denn so ins Hintertreffen geraten ist.

Überspitzt könnte man hier formulieren, dass gerade die mediale Welt und die Vielfältigkeit an Informationsgewinnung, die uns heute zur Verfügung steht, hier Fluch und Segen sind. Gerade bei so hochsensiblen Themen wie Beziehung und Erziehung (und beides in Verbindung miteinander betrachtet) schüren die vielfältigen Informationen und Meinungsbilder, die überwiegend so ungefiltert auf uns einprasseln, eine Verunsicherung in uns als Eltern(teilen). Eine Entscheidung zu treffen, ohne genau begründen zu können, warum wir diese so treffen und nicht anders, scheint mir heutzutage eine schwierige Angelegenheit.

Der Bauch erscheint oft wie abgeschaltet oder wird überhört. Vielleicht auch hier aus Angst vor Kommentaren und Bewertungen von außen – egal ob sozial oder medial. Die Abkehr des Bauchgefühls scheint mir also eine Art Schutzmechanismus zu sein.

Heißt das also, dass die vermehrt rationalen Denkprozesse, die ich erlebe, und das „Kopfmensch sein“ per se schlecht ist? Sicherlich nicht. Aber ein gesundes Zusammenspiel intuitiver und bewusster Prozesse in diesen Bereichen wäre doch wünschenswert. Insbesondere auch, weil in der Erziehungsdebatte auch immer wieder die Rede von „Feinfühligkeit“ ist.

Feingefühl und Bauchgefühl

Der von Mary Ainsworth geprägte Begriff der Feinfühligkeit bezeichnet die Qualität der Beziehung zwischen Bezugsperson und Kind. Damit einher geht der Bindungsbegriff, den wir alle mittlerweile als eine Art Standard in Erziehungsratgebern und Internetforen sowie in Blogs vermittelt bekommen. Je feinfühliger wir als Bezugspersonen auf unsere Kinder, vor allem im Kleinkindalter, eingehen, desto qualitativ hochwertiger ist auch unsere Bindung und Beziehung zu ihnen.

Eine gute Intuition von uns als Bezugsperson(en) zum Kind kann sich aber nur entwickeln, wenn wir selbst in unserem Aufwachsen positive, feinfühlige und bedürfniserfüllende Erfahrungen machen konnten, die wir dann an unsere Kinder wiederum weitergeben können. Der „Vorlebecharakter“ kommt hier wieder ins Spiel. Wenn ich also selbst als Mutter von meinen Eltern keine intuitiven Strategien als Grundlage für feinfühliges Handeln vorgelebt bekommen habe, dann werden sich meine bereits angelegten Handlungsmuster bezogen auf das Bauchgefühl nicht weiter ausbilden. Somit werde ich vermutlich auch wenig intuitive feinfühlige Momente an meine Kinder vermitteln.

Dabei ist eine rein rationale Vorgehensweise gerade im Kleinkindalter doch völlig undenkbar, zumindest wenn ich auf meine Erziehungserfahrung mit meinen Kindern bislang zurück schaue.

Hätte ich nicht gerade am Anfang, also sagen wir in den ersten drei Monaten nach der Geburt meiner Kinder, in denen wir uns „zusammen eingegroovt“ haben, um es so zu bezeichnen, auf mein Bauchgefühl gehört, wäre ich wesentlich öfter verzweifelt gewesen. Ich konnte die Reaktionen meiner Kinder noch nicht sicher rational deuten, hatte noch kein verlässliches Gehör für die unterschiedlichen Laute, die es je nach Bedürfnis von sich gegeben hat. Ich hatte eigentlich „nur“ mein Bauchgefühl. Aber aufgrund meiner eigenen Erfahrungen, die ich ganz unbewusst in mir trage, war es mir möglich meine Kinder in vielen Situationen zu beruhigen. Ich fühlte mich mächtig stolz.

Der positive Effekt, der sich nämlich durch ein ausreichendes Rückversichern beim Bauchgefühl einstellt, ist die herrliche Steigerung des Selbstwertgefühls, wie ich finde. Ich habe mich als selbstwirksam erlebt, also ich konnte durch mein Tun etwas bewirken. Ein Bedürfnis, das wir Menschen von Beginn an, unseres Lebens haben.

Feinfühligkeit und Bauchgefühl scheinen also zwei Begriffe zu sein, die nur auf den ersten Blick unterschiedlich scheinen, die aber viele Anknüpfungspunkte haben und daher in Verbindung miteinander gebracht werden sollten.

Ein Plädoyer für mehr Bauchgefühl

Warum schaue ich mir das Thema eigentlich an, wenn ich doch oben selbst geschrieben habe, dass díe Intuition eigentlich sehr oft in Entscheidungsprozesse mit einwirkt und uns überhaupt handlungsfähig macht? Ist doch alles gut soweit.

Ganz einfach: weil ich das Gefühl habe, dass wir es uns selbst vermehrt verbieten, zu „bauchlastig“ zu entscheiden. Ich habe bislang wenige getroffen, die mir auf Nachfrage gesagt haben: „Ach, das habe ich so entschieden, weil es sich richtig für mich angefühlt hat.“ Vielleicht haben sie wirklich aus dem Bauch heraus entschieden, trauen sich aber nicht, es auch so zu benennen, eben aus Angst vor Bewertungen. Außerdem vermittelt eine rationale Begründung heute dem Gegenüber doch eher eine gefestigte Haltung und eine gut strukturierte Vorgehensweise, als wenn man sich darauf beruft, sich auf das Bauchgefühl zu verlassen.

Dabei ist das Bauchgefühl doch ein Kernthema in der Beziehungsgestaltung, insbesondere zu unseren Kindern, wie mir scheint. Über das Kleinkindalter hinaus. Eine feinfühlige Beziehung lebt von Eltern, die intuitive Entscheidungen zulassen können und damit auch unsere Kinder auffordern, kreative Prozesse einzugehen. Emotionen zu bedenken und zu beachten. Und damit auch einen wesentlichen Beitrag zu ihrem eigenen Erleben und Selbstwert zu leisten.

Es lohnt sich also, daran zu arbeiten, dem Bauchgefühl mehr Raum zu geben und die bereits in uns angelegten Prozesse hierzu weiter auszuformen. Übrigens kann man intuitives Handeln trainieren, es gibt dazu ganze Ausarbeitungen – gerade für Manager*innen.

Und wir, als Manager*innen einer Familie, sollten den Weg doch gerne auf uns nehmen, mehr in uns hineinzuhören, was wir wirklich denken und wollen. Wo wir dahinter stehen können und was wir aus vollem Herzen vertreten. Und was wir vielleicht auch einfach mal ausprobieren wollen. Zum Wohle einer feinfühligen, innigen Beziehung zu uns selbst und unseren Kindern, dafür lohnt es sich doch allemal.

In Gesprächen mit anderen Eltern(teilen) habe ich mir vorgenommen, nun vermehrt meine Sätze mit: „Weil ich auf mein Bauchgefühl gehört habe, habe ich…“ zu beginnen.

Weil ich ein „Bauchmensch“ bin.

Über die Autorin:
Laura Zeiser, geb. 1988, studierte Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Jugend-, Familien- und Sozialhilfe an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen. Nach mehreren Jahren Tätigkeit in der Jugendhilfe und ihrer Weiterbildung zur Systemischen Beraterin unterstützt sie mittlerweile als Familienhelferin aufsuchend Familien in Fragen der Erziehung und berät in konkreten Anliegen im Rahmen der aufsuchenden Familientherapie. Laura Zeiser ist verheiratet und ist Mutter von zwei Kindern.

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