Warum nicht jeder seines eigenen Glückes Schmied ist

Coaching-Angebote und Selbstfindungsseminare scheinen in den letzten Jahren zu boomen und aus dem Boden zu sprießen. Sie versprechen ihren Kund*innen ein glückliches, zufriedenes und erfolgreiches Leben, wenn sie „nur“ bestimmte Dinge dafür tun. Wir müssen alle einfach nur wieder unsere Mitte finden. Wir müssen alle einfach nur mal ausspannen. Weil wir alle die Wahl haben uns für den richtigen Weg zu entscheiden. All das verspricht uns die Herzchen-Community tagtäglich in den sozialen Netzwerken. Aber ist es wirklich so einfach das persönliche Glück zu finden? Ist es wirklich so einfach ein gutes Leben voller Zufriedenheit und Harmonie zu führen? Und wer sind am Ende die Leidtragenden?

Wir verinnerlichen schon sehr früh, dass das Individuum selbst dafür verantwortlich ist, was er*sie aus dem eigenen Leben macht: Die Angebote für deine persönlichen Lebensziele sind da, du musst sie lediglich ergreifen. Niemand schreibt dir vor, wie du dein Leben gestalten sollst, nur du selbst. Du trägst die Verantwortung für das was du tust und du alleine bist der*die Gestalter*in deines eigenen Lebens.

Dieses Mantra hat sich tief in uns eingebrannt. Wir lernen, dass Erfolg an harte Arbeit geknüpft ist. Und Umgekehrt, dass Misserfolg mit persönlichem Versagen oder milder ausgedrückt damit zusammenhängt, dass wir bisher die falsche Wahl oder die falsche Entscheidung getroffen haben. Diese Vorstellung von Leben und dem menschlichen Dasein sitzt so tief, dass wir kaum mehr hinterfragen, wie die Zusammenhänge tatsächlich zustande kommen. Klingt ja auch ziemlich logisch: Menschen, die sich anstrengen, ernten dafür die Früchte. Und wer nichts macht, bekommt auch nichts (oder weniger). Schließlich tragen wir alle die Verantwortung für unser eigenes Leben. Was soll daran falsch sein?

Sind die Zusammenhänge wirklich so einfach zu erklären?

Natürlich tragen wir Verantwortung – auch für unser eigenes Leben und dafür was wir daraus machen bzw. was wir nicht daraus machen. Doch hier stoßen wir ziemlich schnell an Grenzen. Etwa dann, wenn uns klar wird, dass Chancen innerhalb unserer Gesellschaft ungleich verteilt sind. Unterschiedliche Studien haben beispielsweise gezeigt, dass Kinder aus Facharbeiter- oder Akademikerfamilien häufiger bessere Noten bekommen, als Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen. Wohlgemerkt bei gleicher Leistung und bei gleicher Intelligenz. Ich habe darüber bereits einen Artikel geschrieben, den du hier findest.

Dass Erfolg nur an harte Arbeit und Fleiß geknüpft ist, greift also viel zu kurz. Es ist ein Ammenmärchen, dass jedem*r alles zusteht, wenn er*sie sich nur genug anstrengt. Doch wir halten allzu gerne an dieser Vorstellung fest. Vielleicht weil sie bequem ist? Oder womöglich, weil sie einfache Erklärungen für komplexe Zusammenhänge bietet und wir daraus scheinbar logische Konsequenzen ableiten? Kennen wir nicht alle Aussagen, wie zum Beispiel:

„Du musst deine Gedanken einfach nur ändern und schon wird es dir besser gehen“

Wenn wir nun immer wieder zu hören bekommen, dass alles möglich ist und dass es in der eigenen Hand liegt etwas zu verändern, dann macht das etwas mit uns. Und wir fangen an, tatsächlich daran zu glauben.

  • Wenn einer alleinerziehenden Mutter gesagt wird, sie solle doch mal ausspannen. Vielleicht bei einem Wellnesswochenende mit ihren Freundinnen? Einfach mal loslassen und nicht an die Verpflichtungen zu Hause denken. Ja, dann wäre sie auch wieder entspannter im Umgang mit ihren Kindern. Tut sie es nicht, dann braucht sie sich bitteschön auch nicht über den Stress zu beklagen. Dann darf sie sich nicht darüber beschweren, wenn es mit den Kindern nicht klappt. Schließlich gibt es unzählige Angebote, um sich zu entspannen. Sie muss sich einfach nur dafür entscheiden.
  • Wenn ein*e Arbeitnehmer*in immer wieder Aufgaben von oben delegiert bekommt und dabei fast den Überblick verliert. Weil sich die Papiere auf dem Schreibtisch stapeln. Weil all die Aufgaben nur mit Überstunden zu bewältigen sind. Und wenn dann dieser Person suggeriert wird, dass er*sie einfach nur „nein“ sagen müsste. Dass er*sie die eigenen Grenzen gegenüber vorgesetzten Personen oder Kolleg*innen vertreten müsste. Und wenn er*sie dies nicht schafft, müsse er*sie eben die Verantwortung dafür übernehmen. Weil er*sie hatte ja eine Wahl. Und die Wahl wäre gewesen „nein“ zu sagen.

Es scheint so einfach zu sein. Das Glück scheint zum Greifen nahe. Und wer sich das Glück nicht einfach nimmt, trägt eben die Konsequenzen.

„Du hast immer eine Wahl dich für das Glück und für mehr Zufriedenheit zu entscheiden“ – heißt der Slogan

Natürlich können es Eltern schaffen eine kontinuierlich gute Beziehung mit ihren Kindern aufzubauen und ein harmonisches Familienleben zu führen. Natürlich können es Menschen schaffen, sich gut abzugrenzen und ihren eigenen Weg zu finden. Natürlich ist es möglich öfter „nein“ zu sagen und Aufgaben, die einem zugetragen werden nicht anzunehmen oder gar weiter zu delegieren. Und natürlich können Coaching-Seminare hilfreich dabei sein. Das ist tatsächlich alles möglich. Wirklich. Doch am Ende steht ein großes ABER. Ein ABER das so gut wie nie angesprochen oder thematisiert wird. Ein ABER das gerne verschwiegen wird. Ein ABER das unbequem ist.

ABER?

Dass das mit dem Glück, der Zufriedenheit und der Leichtigkeit letztlich auch funktioniert, liegt daran, weil einige von uns über bestimmte Privilegien verfügen, die andere nicht haben.

Zum Beispiel können sich Familien mit sicherem und relativ hohem Einkommen bei Schwierigkeiten sehr viel leichter und schneller Hilfe holen. Etwa in Form eines Familiencoachings oder in Form von sogenannten Erziehungskursen, die meistens ziemlich teuer sind.

Familien, die in großzügigen Räumlichkeiten leben, können sich zu Hause besser aus dem Weg gehen. Sie haben die Möglichkeit sich bei Konflikten oder bei Bedarf zurückzuziehen, um Druck herauszunehmen oder um die eigenen Gedanken zu sammeln.

Nun kommt das große Aber.

Aber was sagen wir der alleinerziehenden Mutter, die täglich acht Stunden einer Erwerbsarbeit nachgeht um dann zu Hause unbezahlte Care-Arbeit zu leisten? Oder was macht eine Familie mit drei Kindern und einer Wohnfläche von 65 qm, die kaum individuelle Rückzugsorte innerhalb der eigenen vier Wände hat? Was wollen wir ihnen raten?

Wir haben NICHT immer die Wahl

Weder die alleinerziehende Mutter, noch die armutsgefährdete Familie können von jetzt auf gleich beschließen, dass es ihnen besser geht, indem sie zum Beispiel ihre Gedanken verändern. Oder indem sie bestimmte Übungen praktizieren. Oder indem sie sich ein Wellnesswochenende gönnen. Sie können das nicht, weil ihre Probleme und Sorgen auf einer existenziellen Basis fußen. Weil die Rahmenbedingungen für eine solche Veränderung nicht vorhanden sind.

Während bei der Familie mit sicherem Monatseinkommen die wichtigsten Grundbedürfnisse gestillt sind, können sie sich anderen Bedürfnissen, wie zum Beispiel dem Bedürfnis nach einem harmonischen Familienalltag, widmen. Abraham Maslow (1908 – 1970) hat die sogenannte Bedürfnispyramide entwickelt. Grob zusammengefasst ist die Botschaft daraus, dass zunächst die Grundbedürfnisse nach Essen, Schlafen, Sicherheit, Wohnen oder Gemeinschaft sichergestellt werden müssen, bevor die individuellen Bedürfnisse oder die Selbstverwirklichungsbedürfnisse zum Tragen kommen können.

Coaching-Seminare kümmern sich nicht darum, dass die primären Grundbedürfnisse gestillt werden. Es geht bei ihnen ausschließlich um die höheren, den Selbstverwirklichungsbedürfnissen. Darüber müssen wir uns im Klaren sein.

Sind Coaching-Seminare deshalb ethisch verwerflich?

Coaching-Seminare sind per se nicht schlecht oder ethisch verwerflich. Wir müssen hier differenzieren. Es ist ganz grundsätzlich empfehlenswert bei Schwierigkeiten (professionelle) Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist ebenso völlig legitim diese Hilfe von Coaching-Angeboten, die zwar meistens sehr teuer sind und die nicht von öffentlichen Mitteln gefördert werden, zu beanspruchen. Es gibt durchaus einige sehr gute Angebote in diesem Bereich.

Das Problem liegt vielmehr in den Strukturen. Einerseits, dass wir oft selbst nicht in der Lage sind seriöse und unseriöse Angebote zu unterscheiden. Das hat übrigens überhaupt nichts mit Intelligenz zu tun, sondern vielmehr mit bestimmten Kompetenzen, die wir uns mühsam aneignen müssen. Andererseits spielt der Neoliberalismus eine große Rolle. Das bedeutet, dass es insbesondere in den letzten zwanzig, dreißig Jahren einen massiven Umbau in der Sozialpolitik und vor allem bei den Transferleistungen gegeben hat. Menschen erhalten nur dann Sozialleistungen, wenn sie bestimmte Dinge dafür tun, zum Beispiel jeden Job annehmen, der ihnen angeboten wird. Oder an Maßnahmen teilnehmen, auch wenn diese unsinnig erscheinen oder gar sind.

Die Situation von einzelnen Menschen wird nicht mehr gesehen und wahrgenommen. Ob eine Person etwa aus psychischen Gründen nicht alle Jobs annehmen, oder aufgrund von unbezahlter Care-Arbeit nicht Vollzeit arbeiten kann, spielt keine Rolle.

Zu Recht steht diese Art von Sozialpolitik seit vielen Jahren in der Kritik.

Nicht nur in der Sozialpolitik haben sich neoliberale Strukturen etabliert, sondern auch in unserem Alltag und in unseren Denkweisen. „Fördern und fordern“, so lautet die Devise.

Coaching ist keine Psychotherapie

Eine andere Sache, die wir in Bezug auf das Coaching-Thema ansprechen sollten ist die Abgrenzung zur Psychotherapie. Einige Coaching-Angebote – insbesondere die unseriösen – bieten nicht selten ihre Leistungen als einen Ersatz für eine langwierige psychotherapeutische Behandlung an. Sie bezeichnen sich selbst häufig als Psychologische*r Berater*in. Der Begriff „Psychologische*r Berater*in“ ist im Gegensatz zu „Psychologische*r Psychotherapeut*in“ nicht geschützt. Das bedeutet jede*r von uns kann sich Psychologische*r Berater*in nennen, ohne ein Studium oder eine Ausbildung in diesem Bereich abgeschlossen zu haben.

Ein Coaching kann sicherlich in vielen Situationen hilfreich sein. Und wer sich eine solche Hilfe leisten kann und wer dann auch noch seriöse Angebote findet, ist mit Sicherheit gut aufgehoben. Und doch kann kein Coaching eine Psychotherapie ersetzen. Eine Psychotherapie wird bei psychischen Erkrankungen erbracht und ist ein medizinisch angeordnetes Heilverfahren.

Abschließend ist noch zu erwähnen, dass es auch immer Menschen geben wird, die möglicherweise unter dem eigenen, persönlichen Glück und der eigenen Harmonie leiden. Nämlich dann, wenn wir in der privilegierten Lage sind – zum Beispiel im Job – Aufgaben nach unten zu delegieren. Wenn diese Person womöglich deshalb Überstunden machen muss, damit sie all dem was ihr zugetragen wird, gerecht werden kann. Oder wenn wir in der Lage sind uns eine Putzhilfe zu engagieren, die dann zwar den Mindestlohn bekommt, aber womöglich noch mindestens zwei weitere Putzstellen benötigt, um sich und ihre Familie über Wasser zu halten. Aber auch dann, wenn wir in der Lage sind regelmäßig eine*n Babysitter*in kommen zu lassen, um endlich auszuspannen und Zeit für sich und / oder mit Freund*innen zu verbringen.

All das – Aufgaben zu delegieren, Hilfen in jeglicher Form zu engagieren – ist okay und völlig legitim. Es geht in erster Linie nicht um eine Bewertung, ob dies nun „gut“ oder „schlecht“ ist. Jede Hilfe, die bei Not und Schwierigkeiten Menschen darin behilflich ist, dass es ihnen besser geht und dass sie sich besser fühlen, ist grundsätzlich gut. Das kann eine öffentlich geförderte, oder eine private, selbstfinanzierte Hilfe, in Form bestimmter Coaching-Angebote, sein. Nur wir müssen immer bedenken, dass nicht alle eine Wahl haben. Daher ist es wichtig über Privilegien immer wieder zu diskutieren und dabei jene Menschen nicht zu vergessen, die über wenig oder kaum Ressourcen verfügen.

Audioversion:

Sandra Siehl, Sozialpädagogin mit Zusatzausbildungen u.a. in systemischer Kinder- und Jugendlichentherapie, beschäftigt sich hier auf dem Blog mit Entwicklung, Feminismus & Nachhaltigkeit.

1 Kommentare

  1. Isabel

    Vielen Dank, für den Artikel.
    Ich habe selbst schon von Coachingangeboten profitiert und bin ein aus dieser Erfahrung heraus eher ein Befürworter. Durch mein Studium im sozialen Bereich konnte ich mir Wissen aneignen um Angebote einzuschätzen.
    Natürlich ist mir bewusst, dass nicht jeder in dieser Lage ist und in unserer Gesellschaft eine Menge grundlegender Bedürfnisse für Viele nicht gestillt sind.
    Wenn Grundbedürfnisse nicht gedeckt sind, helfen sicher keiner dieser Angebote.

    Zusätzlich kann durch die Vermittlung des Gedankens : “ Du bist selbst für deine Lage verantwortlich!“ ein enormer Druck entstehen, oft ist auch Scham dabei, welcher es noch schwerer macht sich Hilfeangeboten des Sozialsystems zu öffnen. Dieses System arbeitet leider auch wieder stark mit Angst und Druck, und wird tatsächlich zu Recht kritisiert.

    Falls man an einen guten (damit meine ich seriösen) Coach gerät setzte ich voraus, dass dieser /diese
    1. Wenn erforderlich eine Psychotherapie empfiehlt
    2. An Hilfeangebote des Sozialsystems weiterleitet.
    Wohl wissend, dass hier natürlich oft ein Interessenkonflikt aufkommen kann.

    Dennoch vermitteln Coaches Angebote, die vielen Menschen helfen und auch wissenschaftlich fundiert sind. (Methoden positiver Psychologie, MBSR)
    Wenn Menschen diese wahrnehmen möchten und ihr Leben damit bereichern wollen ist das toll, auch wenn es für viele ein Luxus bleibt, den sie sich nicht leisten können.

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